Ronald Zechner - Eine geschundene Erde

zu sehen vom 11.12.2025 - 31.1.2026 in der Galerie Art Ist, Neuer Platz 7 in Klagenfurt.

Für diese Ausstellung wählte der Künstler Ronald Zechner (*1972) dreißig Arbeiten (darunter zwei Objekte, sonst Bilder) der vergangenen Jahre zu diversen Themen aus, darunter Bezugnahmen zu Alfred Kubin (1877-1959). mit großformatigen Bildern, die Bearbeitung von Fotographien einer Reise nach Mexiko in den späten 1990er Jahren oder ein seltenes Bildmotiv, eine Landschaft, in diesem Fall die romantische Kulisse von Maria Loretto am Wörthersee.

Das verwendete Material ist Papier in verschiedenen Stärken und Grammaturen. Das Mal- beziehungsweise Zeichenmittel ist schwarze chinesische Tinte, die der Künstler mittels Pinsel zeichnend oder über eine Spritzvorrichtung in Form von Punkten und kleinen Flecken in unterschiedlicher Intensität auf das Papier aufbringt, wie es vor allem an den Werken hanging skins (2024) oder the bones on bloody mats (2025) deutlich ist beziehungsweise an den Riesenaqurellen, wie sie Zechner selbst bezeichnet, the white castle in the forest (2024) oder the sirenes in the trees (2024).

Die Lichteffekte auf den jeweiligen Oberflächen der dargestellten Einzelmotive sind Auslassungen oder besser Leerstellen. Das heißt: Zechner modelliert die Gestalten aus dem Gegensatz von Licht und Schatten einerseits, andererseits schafft er bewegte Figuren in konkreten Bildräumen aus dem Gegensatz der Farbintensität, der beispielsweise Vordergrund von Hintergrund unterscheidet. Der Einsatz der Mal- beziehungsweise Zeichenmittel steht in Korrelation zum Einsatz der Gestaltungsmittel, die in ihrer Form wiederum zu Bedeutungsträger werden. Beispielhaft an the man of the skins (2025), la matta de chibo (2025) oder den großformatigen szenischen Darstellungen inspiriert von der Gedanken- und Gefühlswelt des Alfred Kubin.

Die zwei kleineren Objekte Nie rostet die Spirale (Nirosta, 2021), eins nach dem Anderen (Aluminium, 2021), sind hier nur stellvertretend für Zechner’s umfangreiches Schaffen im Bereich der Objektkunst vertreten. Der Reiz, der von diesen Arbeiten ausgeht, geht von der Leichtigkeit und Einfachheit der Form aus, die ähnlich einer zeichnerischen Geste in ein dreidimensionales Medium übersetzt zu sein scheint.

Dass Zechner auch als Bildhauer arbeiten kann, hat er während des Bildhauer_innen Symposions 2017 im Krastal bei Treffen unter Beweis gestellt. Das Skulpieren oder das aus Marmor herausmeißeln einer Figur als Verfahrenstechnik wandte Ronald Zechner an zwei Objekten an, die für seine künstlerische Position ebenfalls aussagekräftig sind.

Hasenohr mit Auge zeigt ein Paradoxon, das in der Weise vielleicht vorstellbar, aber nicht existent ist. Es sind zwei Organe, ein Hasenohr und ein Augapfel, welche vielleicht ein Hören mit dem Auge oder ein Sehen mit dem Ohr andeuten oder wenn beides nicht gelingt, zumindest eine haitische Wahrnehmung über das Medium Skulptur zuläßt. In der Isoliertheit der Partialorgane erinnern diese an das Grinsen der Katze aus Lewis Carroll’s Alice im Wunderland1 und könnte einen Hinweis geben, auf die vom Künstler bevorzugten Sinnesorgane.

Weniger surreal als vielmehr konkret war die zweite Arbeit in Stein, betitelt mit Marmorskulptur eines Styropor Inlays eine Innenverpackung, der nicht nur eine bestimmte Funktion sondern auch ein bestimmter Gegenstand zugewiesen ist, da ja die Form der Innenverpackung exakt auf bestimmte Geräte angepasst wird, um diese beim Transport vor Erschütterungen zu schützen. Dieses Objekt steht eigentlich in einem Widerspruch mit der Skulptur als Gattung der schönen Künste, die frei von jeglicher Zweckbindung sind, außer der der Erbauung des menschlichen Geistes und des Erkenntnisgewinns, wobei hier ästhetische Reize als Vehikel dafür herangezogen werden. Die Ästhetik eines funktionalen Objektes, eines Objektes, das nach seinem Gebrauch auf dem Müll landet, welches der Künstler seiner Funktion enthebt oder sie davon befreit, wird zum darstellungswürdigen Objekt für eine bildhauerische Arbeit, für eine Marmorskulptur. Dieses Werk ist zum einen eine Provokation der modernen bzw. zeitgenössischen Objektkunst - um es einmal sehr allgemein zu formulieren -, bedenken wir, welche Motive seit alters her abgebildet wurden: Götter, Denker, Sportler, also Personen oder Personifikationen von Bedeutung für das öffentliche Leben. Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs motivisch in der Objektkunst zu verarbeiten, war eine Angelegenheit der Popkultur Mitte des vorigen Jahrhundert, wobei die verwendeten Materialien diverse Kunststoffe hauptsächlich in Primärfarben gehalten waren und nicht in Marmor – dem Material, aus dem ewige Standbilder gefertigt sind. Zum anderen gerade deswegen, da die Marmorskulptur hier ihres getragenen Pathos entkleidet ist, zum Träger einer aktuell relevanten Aussage wird.

Das Aquarell heart in the right hand (2025) verbindet zwei Ebenen: eine surreale und eine konkrete. Ein Mann steht auf einer Terrasse im Freien, neben ihm steht ein Tisch, auf dem eine Schere liegt. Der Mann hat seinen Brustkorb geöffnet und sein Herz daraus entfernt. Diese Darstellung läßt an ein frühmittelalterliches Symbol denken, den Pelikan, der seine Jungen mit dem Blut aus seiner Brust nährt und sie damit am Leben erhält. Er ist der Inbegriff der Vater- und Mutterliebe und in der christlichen Ikonographie als Allegorie des Opfertodes Jesu Christi verwendet. Konkret geht es dann aber um die sich selbst verschenkende Liebe für die Umwelt, das natürliche Leben und alles zu geben für eine geschundene Erde.

Die Motive in den Werken Ronald Zechner’s sind sichtbar, erkennbar, entlehnen ihre Gestalt von tatsächlichen Gegenständen oder aus traumhaften Geschichten und gelangen im Zuge der bildmäßigen Wiedergabe zu einer Abstraktion, in der das Gegenständliche in den Hintergrund rückt, sich in der leichten Farbigkeit, den Leerstellen und in der Geste, einer leichten, ephemeren Handbewegung fast gänzlich auflöst.

In einem Text von Werner Hofmann über den Klagenfurter Künstler Herbert Boeckl (1894-1966) spricht dieser davon, was die Gestalt verlangt2, habe der Künstler zu erfassen, denn das werde von2 ihm gefordert.


  1. Vgl. Slavoj Zizek, Der Ärger mit dem Realen, Wien 2008, S. 11f. 

  2. Werner Hofmann, Hebert Boeckl, Körper und Räume 1915-1931, Klagenfurt o.D., S. 11-22. 

Ausstellung: Eine geschundene Erde
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